Krankenhaus Nordwest - Mit Sport den Krebs bekämpfen

Prof. Elke Jäger
Prof. Elke Jäger

GESUND-DasMagazin im Gespräch mit der international anerkannten Onkologin Prof. Elke Jäger.
Die Chefärztin am Krankenhaus Nordwest gründete die „Stiftung Leben mit Krebs“ und ist deren Vorstandsmitglied. Die Institution initiierte ein bewegungstherapeutisches Sportprogramm, damit Krebspatienten die Belastungen von Erkrankung und Therapie aktiv überwinden und ihre Lebensqualität verbessern können.
Prof. Elke Jäger ist Chefärztin am Krankenhaus Nordwest. Sie erhielt 2007 die Professur für Interdisziplinäre Onkologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2010 ist sie zudem Adjunct Professor am Roswell Park Cancer Institute in Buffalo und seit 2011 Mitglied der Academy of Cancer Immunology in New York.


In der Abteilung Physiotherapie des Nordwest-Krankenhauses ist Anfang 2014 ein neues Sport- und Trainingszentrum eingerichtet worden.

GESUND: Frau Prof. Jäger, Sie widmen sich am Frankfurter Krankenhaus Nordwest seit über 20 Jahren der Onkologie. Was genau machen Sie?
Frau Prof. Jäger: Ich leite die Klinik für Onkologie und Hämatologie, in der wir alle Krebserkrankungen behandeln. Wir nutzen hierbei die modernsten Verfahren, um auf jeden unserer Patienten persönlich zugeschnittene Diagnosen zu stellen und Therapien zu entwickeln. Viele Methoden sind dabei durchaus experimentell und sehr neuartig. Daher versuchen wir, Patienten die Teilnahme an wissenschaftlichen Studien zu ermöglichen. Uns ist zugleich wichtig, über den Tellerrand zu blicken und Patienten ganzheitlich zu betreuen. Über die Standardtherapien wie Chemo-, Immun- und Strahlentherapie hinaus halten wir unterschiedliche Maßnahmen wie körperliche Bewegungstherapie, Ernährung und Psychologie für essentielle Mittel.

GESUND: Das klingt nach einer großen medizinischen Bandbreite. Welche Facharztgruppen arbeiten denn in der Onkologie zusammen?
Frau Prof. Jäger: Völlig richtig. Onkologie ist Teamwork. Die Forschungserkenntnisse sind im letzten Jahrzehnt derartig explodiert – das kann man nur noch als Expertengruppe überblicken. Im sogenannten interdisziplinären Tumorboard, einer Konferenz aller nötigen Fachleute, diskutieren und finden Onkologen, Chirurgen, Innere Mediziner, Pathologen, Radiologen und Strahlentherapeuten den am besten geeigneten Behandlungsplan für jeden einzelnen Patienten.

GESUND: Von Tumorboards hört man ja immer wieder. Meint das nicht einfach nur, dass mehrere Ärzte über einen gemeinsamen Patienten reden?
Frau Prof. Jäger: Naja, da steckt schon mehr System dahinter. Das Tumorboard ist am Krankenhaus Nordwest ein fester Bestandteil der Organzentren, also der Untereinheiten, die sich zum Beispiel dem Darm, der Prostata oder der Brust widmen. Wir gehen bei diesen Treffen erst auseinander, wenn im Konsens der erfolgversprechendste Behandlungsansatz beschlossen wurde. Zudem wird allen Beteiligten – Krankenhausärzten, dem Hausarzt und natürlich allem voran dem Patienten – der Heilungsplan jederzeit völlig transparent gemacht.

GESUND: Aber Tumorkonferenzen gibt es doch in vielen Kliniken. Woran erkenne ich, ob ein onkologisch tätiges Krankenhauses eine ausreichend große Expertise bietet?
Frau Prof. Jäger: Dabei helfen Ihnen verlässliche Zertifikate. Unser Onkologisches Zentrum etwa, die Klinik für Onkologie und Hämatologie und die diversen Organzentren werden immer wieder mit solchen Zertifikaten ausgezeichnet. Das Gütesiegel „Onkologisches Zentrum“ wird zum Beispiel für einen Zeitraum von drei Jahren vergeben. Danach müssen wir uns einer Rezertifizierung unterziehen. Zusätzlich gibt es einmal im Jahr ein Überwachungsaudit zur Qualitätskontrolle. Außerdem betreiben wir zusammen mit dem Universitätsklinikum Frankfurt das Universitäre Centrum für Tumorerkrankungen, das als Onkologisches Spitzenzentrum von der Deutschen Krebshilfe zertifiziert wurde. Damit bewegen wir uns übrigens international in der höchsten Leistungsklasse.

GESUND: Was macht solch ein Onkologisches Spitzenzentrum aus?
Frau Prof. Jäger: Das Prädikat „Spitzenzentrum“ zeigt, dass die Krebsforschung herausragende Standards erfüllt. In zahlreichen Studien wird da erforscht, wie zum Beispiel Verträglichkeit und Wirksamkeit verschiedener Therapien weiter verbessert werden können. Neue Konzepte werden dahingehend geprüft, ob sie die bisherigen Methoden ergänzen oder sogar ersetzen können.

GESUND: Sie sind also Teil eines „Onkologischen Spitzenzentrums“ und zugleich kürzlich als erstes „Onkologisches Zentrum“ im Rhein-Main-Gebiet ausgezeichnet worden. Wo liegt da der Unterschied?
Frau Prof. Jäger: Stehen bei dem einen Krebsforschung und regionale Vernetzung im Mittelpunkt, geht es bei einem „Onkologischen Zentrum“ um möglichst perfekte Patientenbehandlung, ganzheitlich und in allen Phasen der Erkrankung. Unsere sechs Organzentren – für Prostata-, Darm-, Pankreas-, Lungen-, Brust- und gastrointestinalen Krebs – haben sich den hohen Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft gestellt, und sich durch das unabhängige Institut OnkoZert begutachten lassen. Mit Erfolg! Wir sind schon stolz auf diese besondere Auszeichnung. Sie zeigt, wie eng die Organzentren im Klinikalltag zusammenarbeiten. Diese Vernetzung erlaubt uns, neben den häufigsten Krebserkrankungen auch seltenere Tumorarten auf höchstem Niveau zu behandeln. 


Sport kann bei einer Krebstherapie Begleitbeschwerden lindern und dank einer höheren Lebensqualität die Behandlung fördern.

GESUND: Sie sprechen von ganzheitlicher Patientenbehandlung. Warum ist die nötig?
Frau Prof. Jäger: Obwohl dank moderner Therapien viele Patienten geheilt werden, wird im Rahmen der Behandlung die Lebensqualität oft erheblich eingeschränkt. Die Krankheit, ihre körperlichen und seelischen Folgen beeinflussen massiv das Wohlergehen. Schmerzen und Übelkeit werden durch verträglichere Medikamente und geringere Nebenwirkungen zwar weniger häufig beklagt, sind aber weiterhin Hauptursache für Therapieabbruch oder –aufschub. Krebspatienten leiden zudem häufig unter Müdigkeit und Erschöpfung – dem sogenannten Fatigue-Syndrom. Hinzu kommen Ängste, Schlaflosigkeit, eine eingeschränkte Sexualität. Die Lebensqualität sinkt weiter, was den Mut für eine Verbesserung der Krankheitssituation sinken lässt. Die fatalste Folge: manche Patienten wollen die Therapie abbrechen.

GESUND: Und was hilft dagegen?
Frau Prof. Jäger: Zum Beispiel Sport. Früher dachte man, Krebspatienten müssen sich schonen. Aber Bewegung ist nicht schädlich. Sie nützt! Am besten schon sofort nach der Diagnose. Wir bieten deshalb spezielle sportmedizinische Untersuchungen und kontrollierte Sportprogramme an. 

GESUND: Welche Sportarten kommen da in Frage?
Frau Prof. Jäger: Viele! Seit 2005 bauen wir unser Sportangebot stetig aus. Das Programm umfasst Kraft- und Ausdauertraining, Ruderkurse und Nordic Walking. Es werden Rad- und Wandertouren aber auch Skilanglauffreizeiten organisiert. Voraussetzung ist natürlich eine sporttherapeutische Leistungsanamnese, die eine körperliche Aktivität gutheißt. Die Patienten werden dauerhaft professionell angeleitet und begleitet. Aber es bleibt nicht bei Sport. Wir bieten noch weitere therapieunterstützende Maßnahmen, wie psychoonkologische Betreuung, Ernährungsberatung und palliativmedizinische Versorgung.

GESUND: Ein Wort zum Schluss: Wird es den Onkologen gelingen, Krebs zu besiegen?
Frau Prof. Jäger: Das ist nicht leicht zu sagen. Wir sind aber auf einem guten Weg, Krebs zu einer handhabbaren, chronischen Erkrankung zu machen. Betroffene können zurecht Mut und Hoffnung haben.

Über das Krankenhaus Nordwest
Das Krankenhaus Nordwest ist ein Haus der Schwerpunktversorgung im Rhein-Main-Gebiet mit 582 Betten, die sich auf zehn Kliniken und vier Institute verteilen. Von überregionaler Bedeutung ist das zertifizierte Onkologische Zentrum, in dem alle Organzentren kooperieren. Die Klinik für Neurologie ist eine der größten neurologischen Kliniken Deutschlands. Sie verfügt über eine Stroke Unit und eine neurologische Intensivstation. Darüber hinaus spiegelt sich die fachliche Kompetenz des Krankenhauses Nordwest in verschiedenen weiteren Zentren. Dazu gehören das Gefäßzentrum, das Multiple-Sklerose-Zentrum, die Brustschmerzeinheit, das Adipositas- und das Kinderwunschzentrum.

Text: GESUND-DasMagazin
Fotos: Krankenhaus Nordwest